Das Kibri-Händlerschaustück Flughafen-Anlage Nr. 52/30 von 1930-1932

Bericht und Bilder: Dieter Weißbach, Berlin, Mai 2020


Nach rund zehn Jahren intensiver Forschung, eifriger Sammeltätigkeit und Rekonstruktion wurde das seltene Zeppelin-Händlerschaustück in der Tischbahnausstellung Gaggenau 2020 erfolgreich im Betrieb vorgeführt. Es ist kein anderes derartiges Schaustück im betriebsfähigen und weitgehend vollständigen Zustand bekannt.

Ein Märklin-Zeppelin mit elektrisch angetriebenem Propeller hängt am Ausleger des Fachwerkturms. Sobald der Propeller eine ausreichende Drehzahl erreicht, setzt sich der Zeppelin in Bewegung und kreist um den Turm.


Zum historischen Hintergrund

Der New Yorker Börsenkrach vom 24. Oktober 1929 war der Auslöser der Weltwirt­schafts­krise, die auch in Deutschland zum Zusammenbruch der Wirtschaft und zu einer Massenarbeitslosigkeit führte. In der Folge brach auch der Verkauf der klassischen Spielwaren dramatisch ein, weil die Menschen mit der bloßen Existenzsicherung beschäftigt waren und kaum Geld für andere Dinge übrig hatten. Viele Unternehmen überstanden die folgenden Jahre nicht, insbesondere Bing musste die Spielwaren­produktion einstellen. Schließlich wurde auch die Weimarer Republik von ihren Feinden überrannt.

Bereits im Oktober 1928 hatte das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin“ mit der Nordamerika­fahrt für Schlagzeilen gesorgt. Es folgten die Weltfahrt im August und September 1929 sowie zahlreiche weitere Fahrten, über die in den Medien in großer Aufmachung berichtet wurde. Die Zeppelinfahrten waren ein Lichtblick in diesen sorgenvollen Jahren.

Der Böblinger Spielwarenhersteller Kibri griff in dieser wirtschaftlich sehr schwierigen Lage das populäre Zeppelin-Thema auf und bot in den Jahren 1930-1932 ein Schaustück zur Belebung der Händlerschaufenster an. Auf einem vereinfachten Flughafengelände kreiste ein Zeppelin vom Propeller angetrieben um den Landeturm und weckte das Interesse der Passanten. Von drei Großteilen und dem Märklin-Zeppelin abgesehen stammten die übrigen meist beleuchteten Zubehörteile aus dem normalen Kibri-Eisenbahnsortiment und konnten vom Händler einzeln abverkauft werden.


Von der Idee zum Rekonstruktionsprojekt

Vor über zehn Jahren setzten wir uns mit einigen Sammlerfreunden intensiver mit dem reichhaltigen Kibri-Zubehör für Blecheisenbahnen auseinander. Kibri wurde in der Vergangenheit zu Unrecht eher kaum beachtet. Neben dem Schiffmann-Sammlerkatalog Band 11 „Kibri und Cabo“ hatte Walter Plischke mit seiner Internetseite www.fleischmann-toys.de und dem dort aufgebauten Kibri-Zubehör-Archiv wertvolle Pionierarbeit geleistet. Wir begannen, nach seinem Vorbild das Zubehör für die Spuren 00, 0 und 1 genauer zu erforschen. Patrick Bussian brachte 2014 seine Dokumentation „Kibri Eisenbahnzubehör Spur 00 heraus“, die über den Online-Druckdienst blurb produziert und veröffentlicht wurde. Gebundene Nachdrucke können über blurb bestellt werden.


Ebenfalls vor rund zehn Jahren stießen wir auf Bilder eines eigenartigen Fachwerkturms mit drehbarem Ausleger und eines Gasometers mit Pumpe und Ablasshahn, die eindeutig aus der Kibri-Fertigung stammen mussten. Im Kibri-Katalog 1930 fanden wir schließlich mehrere Schauanlagen, die von Kibri für die Schaufenster der Händler angeboten wurden. Fachwerkturm und Gasometer gehörten zur Flughafen-Anlage Kat.-Nr. 52/30. Am Fachwerkturm wurde ein Zeppelin mit elektrisch angetrieben Propeller aufgehängt. Diese Entdeckung elektrisierte uns – wir wollten mehr über dieses Schaustück erfahren und begannen, weiter zu suchen und zu forschen. Auf dem kleinen Katalogbild entdeckten wir noch einen Zeppelinhangar, einen Flughafen-Bahnhof und eine Shell-Tankstelle. Viele Teile stammten aber aus dem normalen Eisenbahnzubehörprogramm.


Auszug aus dem Kibri-Händler-Faltblatt mit den Schauanlagen von 1930

Durch einen Zufall konnten wir ein großformatiges Faltblatt der Kibri-Händler-Schaustücke erwerben. Nun besaßen wir ein gutes Bild und konnten die Teile genauer identifizieren. Bald stand der Entschluss fest: Dieses Schaustück musste unbedingt rekonstruiert werden. Zusammen mit den Sammler­freunden, die sich im Historischen Modellbahnforum www.maetrix.net austauschen, begannen wir, eine Liste der Teile aufzustellen und versuchten, die Teile zusammenzutragen. Ziel war es, die Schauanlage in der Historischen Modellbahnausstellung in der Berliner Gustav-Heinemann-Oberschule auszustellen.


Rekonstruktion als Gemeinschaftsprojekt

Von diesem teuren Händlerschaustück wurden seinerzeit vermutlich nur wenige Exemplare an die Händler oder vielleicht sogar an reiche Privatleute verkauft. Entsprechend selten sind heute die Originalteile. Glücklicherweise gelang es Patrick, einen originalen Zeppelinturm des Schaustücks, der in der Schweiz entdeckt wurde, zurück nach Deutschland zu bringen.

Auch vom Eisenbahnzubehör konnten wir bald viele Teile finden. Es wurde aber auch sehr schnell deutlich, dass die anderen speziellen Teile entweder gar nicht auftauchten oder nur zu sehr hohen Preisen zu bekommen waren. Deshalb blieb uns nur die Alternative, diese Teile vorerst als Replikat nachzubauen. Die Rekonstruktion erfolgte als Gemeinschaftsprojekt.


Die Grundplatte konnte dank der im Katalogbild abgedruckten Maße 149 x 76 cm problemlos aus einer guten Tischlerplatte angefertigt und in Lichtgrau RAL 7035 lackiert werden. Sockel und Treppe am hinteren Rand des Schaustücks wurden aus Sperrholz und Kiefernholzleisten gebaut. Die Maße wurden anhand der Proportionen der übrigen Teile abgeschätzt. Die Lackierung erfolgte in Grünbeige RAL 1000.

Bevölkert wird das Schaustück mit 7 cm Figuren von Hausser Elastolin aus dem Eisenbahnsortiment. Damit sie nicht vom Sockel fallen, wurde er mit einem Lattenzaun gesichert, der aus Blech im Laser-Cut-Verfahren ausgeschnitten wurde.


Beim Flughafen-Bahnhof handelt es sich um eine Variante des Kibri-Bahnhofs Kat.-Nr. 52/28, der effektvoll beleuchtet ist. Über dem Haupteingang befindet sich eine beleuchtete Glasplatte mit der Aufschrift Flugleitung, der Uhrenturm besitzt je eine rote und grüne Positionsleuchte.


Der stabile Fachwerkturm soll in seiner Gestaltung an die Ankermasten erinnert, die in den 1920er Jahren zum Fixieren der Luftschiffe verwendet wurden. Im oberen Teil ist eine durch zwei Kugellager frei drehbare Glocke mit Ausleger angeordnet. Zwei Kontaktfedern und Schleifringe stellen eine Stromübertragung zwischen dem Fachwerkturm und dem Ausleger sicher. Im Betrieb hat sich herausgestellt, dass auf den Turm beachtliche Kräfte wirken. Deshalb wurde eine sichere Verschraubung des Turmsockels mit der Bodenplatte hergestellt.

Der rund 40 cm lange Zeppelin gab uns zunächst einige Rätsel auf. Im Forum wurde intensiv diskutiert, welcher Hersteller den Zeppelin geliefert haben könnte. Zunächst wurde auch in Betracht gezogen, dass der blechverarbeitende Betrieb Kibri selber den Zeppelin angefertigt hatte. Dies wurde aber bald ausgeschlossen. Kibri ist eher dafür bekannt, sehr sparsam mit dem Einsatz der Stanzwerkzeuge gewesen zu sein und Presswerkzeuge für komplexe Formen wurden von Kibri nicht verwendet. Weit verbreitet waren in dieser Zeit die Zeppeline von TippCo. Dieser Hersteller hatte aber keine Zeppeline mit elektrisch betriebener Luftschraube im Sortiment. Auch die typische Lithographie der TippCo-Zeppeline mit den blauen Linien passte nicht.


Wir sind uns heute sicher, dass es sich um das von Märklin hergestellte Zeppelin-Luftschiff 13806 für elektrischen Betrieb mit eingebautem Motor für 20 Volt handelt, wie es im Märklin-Katalog 1930 angeboten wurde. Dieses Modell der LZ 127 Graf Zeppelin passt am besten zur Abbildung auf dem Kibri-Katalogbild, auf dem sogar die fünf kleinen Motorgondeln unter dem Rumpf erkennbar sind, wie sie auch von Märklin nachgebildet wurden. Kibri hat auf dem Faltblatt auch explizit den Märklin-Transformator 13475 C.G. mit einer Sekundärspannung von 20 Volt und einer Leistung von 60-70 Watt empfohlen. Nachdem Patrick ein funktionsfähiges Original kaufen konnte, waren wir wieder einen Schritt weiter. Der letzte Beweis wurde im praktischen Betrieb erbracht: die Kombination mit dem Märklin-Zeppelin funktioniert.

Beim Vorführen zeigt sich eindrucksvoll die besondere Betriebscharakteristik eines Zeppelins. Sobald der Motor mit Spannung versorgt wird, fängt die am Heck angebrachte Luftschraube an, sich zu drehen. Mit zunehmender Spannung erhöht sich neben dem Motorgeräusch auch die Drehzahl der Luftschraube. Ab einer bestimmten Drehzahl reicht der Schub aus, den Zeppelin langsam auf seiner Kreisbahn um den Turm herum in Bewegung zu setzen. Die Geschwindigkeit nimmt zu und das Gas kann zurückgenommen werden. Durch den Fahrtwind angetrieben, drehen sich auch die kleinen Luftschrauben der fünf Motorgondeln.


Der Zeppelin-Hangar gehört zu den besonders seltenen Teilen. Dank der Unterstützung eines Sammlers konnten wir von einem Exemplar die Maße abnehmen. Tilman baute den Hangar aus Weißblech nach, die Lackierung folgt noch. Inzwischen ist sogar ein Original aufgetaucht (siehe Altes Spielzeug Nr. 2/2020), das in Kürze auf unserem Schaustück stehen wird.

Der Gasometer ist ebenfalls kaum zu bekommen und wurde von Guido nachgebaut. Er ist wie das Kibri-Original mit einer besonderen Funktion ausgestattet. Er besitzt eine untere Wanne, die mit Wasser gefüllt werden kann. Sobald man Luft in die obere Glocke einpumpt, hebt sich die Glocke. Seitlich ist ein Ablasshahn angebracht, mit dem die Glocke wieder abgesenkt werden kann.

Links im Bild ist der Märklin Einanker-Umformer 13477 B zum Anschluss an Gleichstromnetze zu sehen (er ist allerdings zu schwach, empfohlen wurde der Einanker-Umformer 13476 C). Im Vorführbetrieb auf der öffentlichen Ausstellung wurden drei LGB-Transformatoren 50080 verwendet, die eine Spannung von max. 22 Volt bei je 20 Watt liefern.


Das Schaustück entwickelt seinen Charme auch durch die schönen Kibri-Original-Teile und die Hausser-Elastolin-Figuren. Links ist die Kibri-Bahnhofspolizei Kat.-Nr. 39/3 zu sehen. Die Treppe wird eingerahmt von den beleuchteten Kibri-Bogenlampen Kat.-Nr. 57/000 1/2 und den Kibri-Papierkörben Kat.-Nr. 79/8. Bei der Gelegenheit geht der Dank auch an Michael und Karl, die viele Originale bereitstellten.

Der Gasflaschenwagen vorn wurde von Guido nachgebaut. Er dürfte von Kibri unter Verwendung von Teilen der Büffetwagen gebaut worden sein, eine Kat.-Nr. ist nicht bekannt. Lange haben wir über die Farbe der Gasflaschen diskutiert. Rot müssen sie sein, denn sie sind bestimmt mit Wasserstoffgas gefüllt. Warum dieser Wagen mit dem gefährlichen Gas aber auf dem Katalogbild mitten im Passagierbereich des Zeppelinflughafens angeordnet wurde, konnte nicht geklärt werden.


Eine besondere Herausforderung bestand in der Reproduktion des Hintergrundbildes. Zuerst war angedacht, den Hintergrund malen zu lassen. Nachdem wir aber ein höher auflösendes schwarz-weiß-Katalogbild besaßen, kam ein spezielles Bildbearbeitungs­programm zum Einsatz. Damit war es möglich, bestimmten Grauwerten einen Farbton zuzuweisen. Damit konnten wir möglichst dicht am Original bleiben. Nachdem die Grundlage hergestellt war, mussten noch kleinere Anpassungen von Hand erfolgen. Vielen Dank an Marcus für das schöne Ergebnis.


Auch wenn wir nun schon zehn Jahre an der Rekonstruktion dieses Schaustücks arbeiten, gibt es noch drei offene Aufgaben. Auf dem Katalogbild des Schaustücks ist ein eigentümliches Flugzeug zu sehen. Es handelt sich um einen Doppeldecker mit eckiger Motorverkleidung, wobei die untere Tragfläche fast an der Oberkante des Rumpfes ansetzt. Es hat eine große, gut ausgeformte Luftschraube und eine Spannweite von ca. 15-18 cm. Uns ist es bislang nicht gelungen, den Hersteller dieses Flugzeuges herauszufinden. Vielleicht kann uns ein Leser einen Hinweis geben ?

Offen ist auch noch die Beschaffung oder die Rekonstruktion der beleuchteten Shell-Tanksäule. Wir sind uns sicher, dass diese Tanksäule aus der Kibri-Fertigung stammt, zumindest handelt es sich um eine Variante unter Verwendung von Kibri-Teilen. So dürfte der kegelförmige Dachaufsatz auch beim runden Kibri-Zeitungskiosk Verwendung gefunden haben. Auch hier freuen wir uns auf Hinweise oder auf Restteile, um diese Tanksäule nachbauen zu können.

Schließlich fehlt uns auch noch ein Original des Kibri-Shell-Wagen Kat.-Nr. 88/5/0. Derzeit haben wir zumindest ein nettes Ersatzstück, dass zufällig auf einer Börse gefunden wurde.


Als Ersatz für den bislang unbekannten Doppeldecker steht derzeit ein Replikat eines Paya-Fliegers in der Flugzeughalle. Der Wellblech-Flieger ähnelt der einmotorigen Junkers F-13. Davor ist der oben bereits genannte gelbe Shell-Wagen zu sehen.

Zu den schönen Kibri-Originalen gehören der Zeitungswagen Kat.-Nr. 60/4 1/4 und die Sitzbank mit Uhr Kat.-Nr. 62/5.


Zum Abschluss dieses Berichtes sei nochmal allen Kollegen und Sammlerfreunden gedankt, die uns mit konkreten Beiträgen oder mit Hinweisen unterstützten. Nach rund zehn Jahren konnte ein einzigartiges Schaustück weitgehend rekonstruiert und in betriebsfähigen Zustand gebracht werden. Auf den Ausstellungen in der Gustav-Heinemann-Oberschule in Berlin oder im Unimog-Museum in Gaggenau war dieses Schaustück eine vielbeachtete Attraktion. Wir sind gespannt, welche Puzzlesteinchen sich noch finden, um die letzten Lücken zu schließen.





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