1938 – Neuheiten und Zwangsverkauf


Die TRIX EXPRESS-Neuheiten des Jahres 1938

Auch im Jahr 1938 bekamen die TRIX EXPRESS-Freunde weitere Modelleisenbahn-Neuheiten angeboten. Der Umfang blieb aber etwas hinter der Fülle des Vorjahres 1937, in dem die neue Modellserie eingeführt wurde, zurück. Der TRIX EXPRESS-Katalog des Jahres 1938 hebt folgende Neuheiten hervor:

  • TRIX-AUTOMATIC, die entkuppelnde 2 C 1-Lok
  • fernsteuerbare Entkupplungsvorrichtung für Wagen
  • Hochleistungsfahrregler
  • beleuchtete Weichenlaternen


Die große Schnellzuglokomotive 20/59 (Weiterentwicklung der 20/57) erhielt im Tender einen fernsteuerbaren Entkupplungshaken, mit dem an jeder Stelle der Gleisanlage ausgekuppelt werden konnte (das Bild zeigt einen ansonsten baugleichen Nachkriegstender mit langen Puffern).


Zusätzlich wurde das neue Entkupplungsgleis 20/12 herausgebracht, auf dem eine darüberstehende Kupplung ausgekuppelt werden konnte. Voraussetzung war, dass die Wagenkupplung über einen Ausheber verfügte. Die Wagen des Jahres 1938 erhielten diesen Ausheber aus schwarz lackiertem Blech bereits ab Werk, die Wagen des Jahres 1937 mit der Blechhakenkupplung konnten nachgerüstet werden. Wagen mit älteren Kupplungen der Jahre 1935 und 1936 konnten nicht angepasst werden. Beim Bild oben besitzt der rechte Wagen den Ausheber, der linke Wagen den Bügel (letzterer ist bereits angehoben).

Der neue Hochleistungsfahrregler 20/45 war für beleuchtete Züge mit ihrem höheren Stromverbrauch notwendig geworden.

Im Zubehörbereich ergänzten weitere Bahnsteige und Bahnhöfe in Blechbauweise aus der Kooperation mit der Firma Kibri das Gebäude-Sortiment.

Für die kleinen zweiachsigen B-Lokomotiven wurde ein neues verstärktes Fahrwerk (das “dicke” Fahrwerk) mit geänderter Schaltwalze konstruiert.



Zwangsverkauf und Auswanderung der Firmengründer

Für den jüdischen Firmengründer Stephan Bing (das Bild zeigt ihn zusammen mit seinem Sohn Franz, vermutlich im Mai 1938 aufgenommen) standen 1938 existentielle Fragen im Vordergrund.

Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurden jüdische Mitbürger zunehmend bedrängt und im öffentlichen Leben benachteiligt. Ein Ziel der Nationalsozialisten war es, Juden aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen. Am 1. April 1933 kam es zum organisierten Boykott und zur Zerstörung von Läden, Handwerksbetrieben und Praxen jüdischer Inhaber; gleichzeitig entließen erste Großunternehmen jüdische Mitarbeiter.

Im Monat April 1933 wurden weiterhin mehrere Verordnungen und Gesetze erlassen, um die Erwerbsmöglichkeiten jüdischer Bürger einzuschränken und damit defakto Berufsverbote zu erlassen:

  • Aus den Berufsvereinigungen oder Berufskammern (z.B. der Ärzte, Rechtsanwälte, Journalisten etc.) wurden jüdische Mitglieder ausgeschlossen und dadurch mit Berufsverbot belegt
  • Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde die Rechtsgrundlage zur Entlassung jüdischer Beamter geschaffen.
  • An den deutschen Schulen und Hochschulen traten Zulassungsbeschränkungen bei “nichtarischer Abstammung” in Kraft.


[Bildquelle: Deutsche Fotothek Dresden, df_e_0000001]

Auch der jüdische Photograph Fritz Eschen, von dem die bekannte Nachtaufnahme am Anhalter Bahnhof stammt (TRIX Katalog 1937 und TRIX Handbuch 1:90, siehe obiges Bild), wurde Ende 1933 aus dem Reichsverband der Deutschen Presse ausgeschlossen, arbeitete aber unter anderem Namen weiter.

Im September 1935 folgte mit den Nürnberger Gesetzen (auch Nürnberger Rassengesetze genannt) eine weitere juristische Grundlage für die rassistische Verfolgung und Ausgrenzung nicht nur jüdischer Menschen.

Schaut man heute rückblickend auf die Jahre 1933 bis 1937, so hat sich Stephan Bing von diesen Entwicklungen nicht in seinem Elan bremsen lassen. Trotz der sich ständig verschärfenden Rahmenbedingungen in Deutschland baute er die TRIX EXPRESS-Modelleisenbahn weiter aus. Jahr für Jahr wurden wegweisende Neuheiten in einem beeindruckendem Umfang vorgestellt und erfolgreich angeboten.

Anfang 1938 mussten aber auch Stephan Bing und seine Partner erkennen, dass sie in ihrem Heimatland Deutschland keine Zukunftsperspektive mehr haben würden. Um einer bevorstehenden Enteignung und der Bedrohung ihrer Freiheit zuvorzukommen, willigten sie im Frühjahr 1938 in den Zwangsverkauf ihrer Firma und in die Auswanderung ein. Zugute kam ihnen, dass in England bereits ein Tochterunternehmen für den Vertrieb gegründet war.

Am 27. April 1938 / 12. Mai 1938 wurde zwischen den Verkäufern “jüdischer Rasse” (den Gesellschaftern Stephan Bing, Hermann Oppenheim und Siegfried Kahn) und dem “Arier” Ernst Voelk, als Käufer (der Anfang 1936 schon die Blechspielwarenfabrik Johann Distler KG arisiert hatte) für die Vereinigten Spielwarenfabriken Andreas Förtner & J. Haffner’s Nachf. GmbH in Nürnberg der entsprechende Kaufvertrag ausgefertigt, um den Betrieb zu arisieren und die unfreiwillige Auswanderung der Eigentümer im Sinne der geltenden Gesetze voranzutreiben.

Acht Seiten umfasste der Kaufvertrag von 1938.


In der Deutschen Spielwarenzeitung vom Mai 1938 wurde zu diesem Vorgang wie folgt vermeldet:

Dem Zuge der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik im völkischem Sinne folgend, hat der Leiter der Fachgruppe Spielwaren- und Christbaumschmuck-Industrie, Nürnberg, Herr Voelk, der Inhaber der Firma Johann Distler K.-G., die Firma “Vereinigte Spielwarenfabriken”, Andreas Förtner & J. Haffner’s Nachf. G.m.b.H., Nürnberg, als persönlich haftender Gesellschafter einer vom ihm gegründeten Kommanditgesellschaft erworben.

Wir geben der Überzeugung Ausdruck, dass diese Umstellung nicht nur den Vereinigten Spielwarenfabriken, Nürnberg, sondern auch der gesamten Spielwarenindustrie zum Vorteil gereichen wird.


Am 9. Juni 1938 emigrierten Stephan Bing, Hermann Oppenheim und Siegfried Kahn nach England. Sie konnten dort, wieder unterstützt durch den englischen Modellbahn-Pionier Wenman Joseph Bassett-Lowke, am Ausbau des englischen Sortimentes der Marke TRIX TWIN RAILWAY weiterarbeiten. Dabei waren sie gemäß den Regelungen des Kaufvertrages verpflichtet, weiterhin Lieferungen vom deutschen TRIX-Werk zu beziehen. So wurden deutsche Lokomotiven importiert, die in England mit Gehäusen und Tendern landestypischer Gestaltung aus der dortigen Fertigung ausgestattet wurden.


Nur wenige Monate später, in der Nacht des 9. November 1938, brannten in Deutschland die Synagogen. Allein in diesen Tagen wurden 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Kurz danach setzen die Massenverhaftungen ein; die Konzentrationslager im Reichsgebiet waren bereits im Laufe des Jahres 1938 massiv ausgebaut worden.


Am 19. April 1940 starb der Kommerzienrat und ehem. Nürnberger Handelsrichter Stephan Bing in England im Alter von nur 59 Jahren an einer Herzattacke. Der Zweite Weltkrieg tobte inzwischen seit über sieben Monaten in Europa. Nur wenige Tage vorher, am 9. April 1940, begann die deutsche Invasion in Norwegen.


Tony Matthewman, der Autor des Buches “History of TRIX” schreibt hierzu:

In Britain it was a traumatic time for the Bing family and other personnel, as men of German origin at Trix were interned at the start of the war on the isle-of-Man for a few weeks, just at a time when all their endeavours were required to run the buisiness. All this disruption and worry took its toll, and Stephan Bing, the founder of Trix died of a heart attack on 19 April 1940. His daughter, Mrs. L.Sommer took his place on the board of directors in June of that year.


Die genauen Todesumstände und der Todesort von Stephan Bing liegen bislang im Dunkeln. Wenn man die Schicksale anderer in Großbritannien internierter Deutscher betrachtet, setzte die Internierungswelle erst im Mai 1940 zeitgleich mit dem deutschen Einmarsch in den Benelux-Ländern im großen Umfang ein. Dabei war es unerheblich, ob die Emigrierten vor der Verfolgung aus Deutschland geflohen waren. Es wurde kein Unterschied gemacht: Juden, Künstler, Sozialisten, Kommunisten aber auch enttarnte Anhänger des Nazi-Regimes wurden in denselben Lagern interniert. Erst ab Herbst 1940 wurde differenzierter vorgegangen.


Der Zweite Weltkrieg endete am 8. Mai 1945, Deutschland war von den Truppen der Alliierten Siegermächte besetzt. Am 21. Juni 1948 wurde in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands die Währungsreform vollzogen, bei der die Deutsche Mark als Ersatz für die wertlos gewordene Reichsmark eingeführt wurde.

Die Erben der ehemaligen jüdischen Eigentümer (Hermann Georg Oppenheim, Franz Bing und Lilly Sommer, geb. Bing) strengten am 8. Juli 1948 über den Rechtsanwalt Dr. Georg Wurzer, Nürnberg, Wiedergutmachung und Rückerstattung des 1938 arisierten Firmenvermögens an. Mit Niederschrift vom 4. Mai 1949 wurde ein Vergleich zwischen den alten und neuen Eigentümern vor dem Bayer. Landesamt für Wiedergutmachung vereinbart.

Ernst Voelk schrieb in einem Brief vom 23. Juli 1958 an das Bayerische Landesentschädigungsamt u.a.:

“Zweifellos ist Ihnen bekannt, daß über dieses gesamte Vermögen Rückerstattungsansprüche geltend gemacht wurden und das Verfahren durchgeführt wurde, mit dem Endergebnis für die jüdischen Vorbesitzer, daß sie 58 % der GmbH-Anteile rückerstattet erhielten. Allerdings wurden diese Anteile von mir sodann käuflich zurückerworben, sodaß heute keinerlei Ansprüche mehr bestehen.”


Quellenhinweis: Zur Firmengeschichte der “Vereinigten Spielwarenfabriken Andreas Förtner & J. Haffner’s Nachf. GmbH” hat Bernhard J. Schwarz umfangreiches Quellenmaterial ausgewertet und auf seiner Internet-Seite Zinnfiguren – Bleifiguren dokumentiert. Wer sich über die TRIX-Geschichte informieren will, wird dort in den Firmengeschichten von Bing und Haffner fündig.