TRIX EXPRESS in der Schweiz – Spannende Entdeckungen Teil 15: TRIX-Handmuster des TRANSFESA-Fährbootwagen

Bericht und Bilder: Peter Anderegg – Juni 2020


Handmuster von TRIX oder besser: Verpasste Chance

Bild 1: TRIX-Handmuster Gedeckter Güterwagen lang aus «Entdeckungen aus der Schweiz Teil 11, Bild 9»: Die Wagen-Front ist verstärkt. Der Hebel unten rechts ist die Handhebelbremse für England.


Vorgeschichte

Bild 2: TRIX-Handmuster Gedeckter Güterwagen mit Handhebelbremse für England vor dem TRIX EXPRESS-Supermodell DB-Güterwagen KASSEL in Grau.


Das TRIX-Handmuster ist etwa 20 mm länger als der 1953 von TRIX EXPRESS herausgebrachte Gedeckte Güterwagen KASSEL. Den KASSEL (1953-68) gab es in Dunkelbraun Glanz, Rotbraun Glanz, Braun Glanz, Kaffeebraun Glanz, Mahagonibraun Glanz, Grau Matt, Rotbraun Matt und als Bananen-Wagen in Zinkgelb Matt und Schwefelgelb Matt. Eine «Farbvariante» in Weiss Matt wurde im 1999 gezeigt bei der Ausstellung «60 Jahre TRIX, Alles aus einer Hand», kam aber nie. Dafür wurde der vierachsige Gedeckte Güterwagen BROMBERG (1960-61) in Weiss Matt angeboten.


Handhebelbremse für England

Patrick Enz wies mich auf die Handhebelbremse für England hin. Diese war für den Rangierbetrieb notwendig und in England vorgeschrieben, – also gleichbedeutend wie das engere Lichtraum-Profil -. Die Wagen vom Kontinent hatten schon das fortschrittliche Bremssystem auf Basis von Druckluft. Bei den British Railways (BR) – entstanden 1948 aus Verstaatlichung – waren die meisten Wagen in den 1950er Jahren noch ungebremst (BR = graue Wagenfarbe vorgeschrieben, gilt aber nicht für P.O. – Private Owner-Wagen. Wurden die Wagen abgestellt, mussten sie mittels Handbremshebel arretiert werden, in besonderen Fällen sogar abgebremst werden.


Suche nach dem Vorbild

In den 1950er Jahren kooperierten die Partnerfirmen TRIX Nürnberg und TTR England sehr eng. Modelle wurden gegenseitig ausgetauscht und katalogisiert. Im TRIX EXPRESS-Sortiment wurden z.B. die Wagentypen 1953 «vierachsiger WELTROL-Tiefladewagen» und 1954 «zweiachsiger Kohlen-Kippwagen», beide produziert von TTR England, mit EXPRESS-Kupplung angeboten. Wollte TRIX Nürnberg als Gegengeschäft ein Güterwagen-Modell entwickeln, das beim Vorbild sowohl auf dem Kontinent, als auch in England zum Einsatz kam? Die seitliche Aufbaustruktur des TRIX-Handmusters entspricht derjenigen eines Fährwagens. Patrick Enz meinte, dass das Modell dann auch dem engeren Britischen Lichtraumprofil entsprechen müsse. Die modellmässige Umsetzung dieser Vorgabe hätte ich bei einem TRIX-Handmuster niemals erwartet…, aber siehe:


Bild 3: Vergleich der Fronten, von links 1. TRIX-Handmuster mit Profil für das engere Britische Lichtraumprofil, 2. TRIX DB-Güterwagen KASSEL, 3.Grössenvergleich der Fronten (in Messing das schmälere TRIX-Handmuster), 4. Fotomontage genau massstäblich und 5. Lichtraumprofil: Schwarz = Europäisches Festland / Gelb = England)


Das Vorbild des TRIX-Handmusters ist der TRANSFESA-Fährwagen Type Hcfhs «closed van for ferry traffic», der von 1954-85 bei DB in Deutschland und bei RENFE in Spanien eingestellt war. Dieser Wagen zirkulierte mit Südfrüchten nicht nur auf dem Kontinent, sondern auch regelmässig in England (mit aufgemaltem Anker-Symbol).


Bild 4: Vorbild zum TRIX-Handmuster: Fährboot-Früchtewagen TRANSFESA Hcfhs (1954-85)


Bild 5: Fährboot-Früchtewagen TRANSFESA in Dover UK, mit Orangen beladen bis unter das Dach.


Entstehungszeit des TRIX-Handmusters «Fährboot-Früchtewagen TRANSFESA Hcfhs»

Bild 6: Ansicht des TRIX-Handmusters TRANSFESA von unten


Ueli Leibacher fragte mich nach einer möglichen Datierung dieses TRIX-Handmusters. Der TRANSFESA Güterwagen weist dieselben Merkmale auf wie das letzte komplett in Guss-Technologie gefertigte TRIX-Modell, der 1960 herausgebrachte TRIX DB Rungenwagen oBrH: Im Gehäuseboden befinden sich zwei Schraubenlöcher von 2 mm Durchmesser zur Befestigung der beiden Achslager. Damit die Nieten der Kupplungsbefestigung am Chassis Platz finden, wurden zwei weitere Löcher in den Gehäuse-Boden gebohrt. Beim TRIX-Handmuster liegen die Schraubenlöcher zur Achslagerbefestigung um rund 25 mm weiter auseinander als beim Rungenwagen. Dies lässt vermuten, dass das TRIX-Handmuster des Gedeckten Güterwagens zeitlich vor dem DB Rungenwagen entwickelt worden ist.

Ich schätze, dass das TRIX-Handmuster etwa 1957/58 entstanden ist. Die Idee für das TRIX-Handmuster wurde vermutlich angeregt durch die Publikation einer technischen Zeichnung des Fährboot-Früchtewagens in der MIBA 8/1955 (in 1:87). Die MIBA-Redaktion befand sich im selben Gebäude wie TRIX, und viele Deutsche TRIX-Modelle entsprechen sehr weit den MIBA-Plänen.


TRANSFESA

Die Spanische Transportfirma TRANSFESA wurde 1943 zur Beförderung von Vieh gegründet. Ab 1949 beförderte die TRANSFESA in eigenen umspurbaren durchgehenden Wagen Südfrüchte von Spanien (RENFE) nach Europa. Hierzu wurden an der Grenze eigene Anlagen zur Umspurung von Spanischer Breitspur 1668 mm auf Europäische Normalspur 1435 mm gebaut. Ein Umladen der empfindlichen Südfrüchte entfiel – die Umspurung eines Zweiachswagens dauert nur 3 Minuten.

Weitere Transportleistungen zwischen Spanien und Europa folgten, und die Tätigkeitsbereiche von TRANSFESA Logistics wurden im Laufe der Jahre erweitert – siehe aktuelle Zahlen:

Transfesa Eckdaten 2019.


Bild 7: Umspur-Achsen TRANSFESA


2007 erwarb die Deutsche Bahn die Mehrheit an diesem unter anderem für die spanische Güterbahn zuständigen Unternehmen (der Anteil von etwas über 50 Prozent kostete die Deutsche Bahn rund € 130 Mio.). 2009 wurde TRANSFESA in die neue DB Schenker Rail (heute DB Cargo) eingegliedert. TRANSFESA ist heute ein Gemeinschaftsunternehmen von der DB (70,29 %) und der spanischen Staatsbahn RENFE und einer der bedeutendsten Mitbewerber im europäischen Güterverkehr.


Logistik der Früchtewagen

Dieter Weissbach wies mich auf die Logistik der Früchtewagen hin. Die Früchtewagen waren keine Kühlwagen, sondern dank der acht Lüfterklappen pro Seite durch die Zugluft von aussen belüftet.

Anders als die Banane, die grün geerntet wird, bereits im Schiff und auf dem weiteren Transport ihren Reifeprozess beginnt und bei Ankunft zunächst in Reifereien gebracht wird, wird die Orange essfertig geerntet und am Zielhafen eingelagert oder zu Packbetrieben befördert, wo sie genässt und dann direkt in den Handel gebracht werden. Da die Erntezeit sich in Südeuropa von November bis März erstreckt, so werden die Südfrüchte in der kalten Jahreszeit transportiert. TRANSFESA brauchte in den 1950er-Jahren deshalb keine Kühlwagen für den Transport von Südfrüchten, sondern das Ziel war, die Orangen so schnell wie irgend möglich in den Handel zu bringen.


Mögliche Umsetzung als Modell

Das Vorbild des Handmusters des TRANSFESA-Früchtewagens war bereits in den 1950er-Jahren unterwegs in den Farben Blau und Braun. Die Variante in Blau hätte bestimmt im Sortiment sowohl vonTRIX EXPRESS wie auch von TTR einen wahren Hingucker ergeben:


Bild 8: Früchtewagen in Blau (immatrikuliert bei DB) wunderschön umgesetzt als Modell.


Bild 9: Auch die spanische RENFE kennt denselben Früchtewagen mit verstärktem Unterboden.


Bild 10: Dieser SNCF-TRANSFESA-Wagen transportiert Orangen von Spanien ins übrige Europa.


Die Vorbilder des TRIX-Handmusters liefen für verschiedene europäische Bahnverwaltungen, sowohl auf dem Kontinent wie auch in England.

Aber es kam zu keiner Realisierung des Fährboot-Früchtewagens im TRIX-Programm. Um mit Märklin und Fleischmann konkurrieren zu können, musste TRIX Mitte/Ende der 1950er Jahre dringend seinen Lok-Park ausweiten. Da TRIX bereits ab 1951 einen einmaligen Güterwagenpark an Supermodellen im Angebot hatte, ist der Verzicht auf den Fährbootwagen verständlich.

Für die Freunde von TRANSFESA realisierte TRIX EXPRESS 1972 einen Plastik-Kühlwagen in Silbergrau mit der Anschrift «TRANSFESA INTERFRIGO» in roten Ringen (beidseits der Türe), welche mit einem roten Streifen untereinander verbunden sind.


Bild 11: TRIX TRANSFESA INTERFRIGO von 1972


Der «TRANSFESA INTERFRIGO» wurde von fast allen Modellbahn-Herstellern ab Mitte 1960er Jahre nachgebildet. Hat eventuell TRANSFESA die Realisation die Modellbahn-Hersteller dabei finanziell unterstützt?

Beim sechsachsigen TRIX-Schwertransportwagens hatte 1958 die Firma «Siemens» die Kosten von DM 30.000 des Formenbaus zur Realisation des Siemens-Trafos übernommen. So scheint es auch möglich, dass TRIX beim Fährboot-Früchtewagen nicht TTR England im Auge hatte, sondern auf eine finanzielle Unterstützung von TRANSFESA hoffte?



Peter Anderegg




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